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Der halbnackte Mann auf der Theaterbühne wirft sich tobsüchtig herum und treibt mir durch sein markerschütterndes Spiel den Kälteschweiß ins Gesicht. Mit den Ketten, die seinen Körper von oben bis zur Taille umwinden, bietet er einen furchterregenden Anblick. [...] Es ist das Jahr 1967. Zu den Filmfestspielen nach Moskau gefahren, wurde ich mit dem Versprechen, einen der wunderbarsten Schauspieler des Landes, Vladimir Vysotsky, zu sehen, zu einer Probe des Stücks "Pugatschov" eingeladen. Wie alle anderen im Saal, bin ich zutiefst erschüttert von der unbändigen Kraft und Verzweiflung, besonders jedoch von der außergewöhnlichen Stimme dieses Mannes. Sein Spiel läßt die übrigen Mitwirkenden nach und nach im seinem übermächtigen Schatten versinken. Am Ende hallen standing ovations durch das kleine Theater. Ich folge der Einladung eines Freundes und esse mit einigen Hauptdarstellern des Stücks in einem lauten, aber symphatisch wirkenden Restaurant. [...] Längst hatte ich mit einiger Verwunderung festgestellt, daß ich hier in der UdSSR sehr vielen als Schauspielerin ein Begriff bin. Man ist froh, mich zu sehen, schenkt mir Blumen, Cognac, Früchte, ich werde vielfach umarmt und geküßt. [...] Als das Essen auf dem Tisch steht, warte ich noch immer auf diesen wundervollen Mimen, um ihm zu seinem Spiel zu gratulieren, aber ich höre immer wieder, daß er einen seltsamen Charakter habe und am Ende vielleicht gar nicht auftauche. Ich bin enttäuscht, werde aber von den Tischnachbarn derart mit Fragen bestürmt, daß ich bald auf andere Gedanken komme. [...]  Irgendwann sehe ich durch die Augenwinkel einen schlecht gekleideten Mann mittlerer Größe auf uns zukommen. Ich streife ihn flüchtig mit meinem Blick und nur seine hellgrauen Augen wecken für einen Augenblick meine Aufmerksamkeit. Aber die aufgeregten Rufe im Raum veranlaßen mich dazu, das laufende Gespräch abzubrechen und mich ihm zuzuwenden. Er kommt näher, nimmt meine Hand und läßt sie lange Zeit in seiner ruhen, bevor er sie zu den Lippen führt und küßt. Dann setzt er sich auf den gegenüberliegenden Stuhl und schaut mich schweigend an, ohne die Augen abzuwenden. Die Situation macht mich seltsamerweise nicht verlegen, wir schauen einander an, als hätten wir uns schon immer gekannt. Ich weiß: das dort bist - du. Gar nichts an dir erinnert an den tobenden Riesen aus der Probe, aber in deinem Blick liegt soviel Kraft, daß die Gefühle aus dem Theater mich erneut überkommen. Du ißt und trinkst nicht - du schaust mich nur an. - Endlich treffe ich Sie, sagst du dann plötzlich und diese Worte bringen mich in Verlegenheit, ich rede auf einmal drauf los, überhäufe dich mit Komplimenten und sehe gleichzeitig, daß du mir gar nicht zuhörst. Du sagst, du wolltest hier weggehen und für mich singen. Wir beschließen, den Abend bei einem Freund zu verbringen, der im Zentrum der Stadt wohnt. Auch im Auto können wir nicht die Augen voneinander lassen. Über deine Züge huscht mal ein Schatten, mal ein helles Leuchten. Ich sehe in deine strahlenden und zärtlichen Augen, betrachte den kurzgeschorenen Nacken, die kurzen Bartstoppeln, die vor Erschöpfung tief eingesunkenen Wangen. Du bist keineswegs gutaussehend, dein Äußeres hat nichts anziehendes, aber dein außergewöhnlicher Blick fesselt mich. Als wir ankommen, greifst du gleich zur Gitarre. Deine Stimme, deine Kraft und dein verzweifeltes Schreien erschüttern mich. Vor meinen Füßen sitzend, singst du nur für mich und langsam fange ich an, den Sinn, den bitteren Witz und die Tiefe deiner Lieder zu begreifen. Du erklärst mir, daß das Theater dein Beruf und die Poesie deine Leidenschaft sei. Und dann, ohne jegliche Überleitung, sagst du, daß du mich liebst.
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