WORTE DES ABSCHIEDS


Am 26. Juli nahm Moskau Abschied von Vladimir Semenovitsch Vysotsky, dem Schauspieler des Taganka-Theaters, dem Poeten und Barden.

Der Innensaal des Theaters an der Taganka war dem Anlaß entsprechend aufgeräumt und auf einem hohen Podest in der Mitte der blumengesäumten Szene stand der Sarg mit dem Körper Vysotskys. Im Saal hatte man viele Kränze aufgestellt, mit Widmungsbändern vom Kultusministeriums der Russischen Föderativen Republik, vom Dachverband der Filmschaffenden, dem Kollektiv des Theaters, dem Moskauer Kulturdezernat und anderen Kulturverbänden und schließlich von Verwandten und Freunden des Verstorbenen.

Auf der Gedenkmesse wurden von einigen Freunden, Bekannten und Kollegen Vysotskys Reden verlesen:


Michail Uljanov (Schauspieler und Regisseur)

In unser schauspielerisches Milieu ist großes Leid eingebrochen. Einer unserer eigenwilligsten, einzigartigsten und unvergleichbarsten Meister ist gegangen. Die Gemeinschaft macht ihre Sache mit vereinten Kräften, jedoch kann jedes ihrer Mitglieder dennoch etwas Unwiederholbares und Einzigartiges schaffen. Vladimir Vysotsky war eine Persönlichkeit, ein Künstler von derartiger Unnachahmlichkeit und mit nichts zu vergleichender Individualität, daß sein Tod eine gähnende Wunde in unseren Kreisen hinterlassen musste.

Man sagt, niemand ist unersetzlich. Doch es gibt sie, die Unersetzlichen! Andere werden kommen, aber diese Stimme, diese flammende Wut und dieser Schmerz haben uns für immer verlassen. Er war ein ausgezeichneter Schauspieler, wohl einer der interessantesten unserer Zeit. Und er war Sänger. Das Lied war für ihn seine zweite Sprache und wahrscheinlich war er so geartet, daß ihm Worte nicht ausreichten, um wirklich alles zu sagen, wie auch wir nicht fähig sind, alles auszudrücken, jedoch besaß er die erstaunliche Gabe des Liedes, durch das er liebte, haßte, verachtete, liebkoste, hoffte, träumte, fieberte, litt. Diese Lieder waren wie ein Schrei, diese Lieder waren wie ein Aufstöhnen der Seele, wie das Knirschen eines zerreißenden Herzens.

Sein Leben war kurz und es gelang ihm tatsächlich nicht, seine Pferde aufzuhalten, er war einfach nicht stark genug. Aber das ist eben Vladimir, oder, wie man ihn im Volk nannte, Volodja Vysotsky: seine eingespannten Pferde waren voller Zorn, mit schäumigen Mäulern hetzten sie ihn unaufhaltsam voran. Vielleicht ist damit sogar alles erklärt: diese Liebe für ihn, dieser Schmerz, dieser tief empfundene Verlust. Aber wer kann schon behaupten, das zu wissen, es erklären zu können? Die hinterlassene Wunde jedenfalls ist sicherlich tief und schmerzend.

Volodja, in einem deiner Lieder gabst du uns das Versprechen: "Umsonst ist eure Hoffnung, denn ich gehe nicht, ich werde bei euch bleiben". Den einen Teil hast du eingelöst, den anderen nicht. Dem Menschen ist es nicht gegeben, den diebischen Tod zu besiegen. Du gingst. In ein Land, aus dem es keine Wiederkehr gibt. Aber du hattest Recht, als du sagtest, du bliebest bei uns. Deine Lieder und deine Rollen, deine Charaktere werden leben. Es ist wahr - du warst so unnachahmbar, daß niemand außer dir deine Lieder zu singen vermochte. Nur du, mit deinem Zorn, deinem Temperament, deiner Zärtlichkeit, deiner Liebe, Freundschaft, dem gerissenen russischen Jargon, der Willensstärke, - nur du konntest diese Lieder so singen, wie du es tatest. Zum Glück haben wir heute die Technik, die uns in vielen Dingen hilft. Dich zu ersetzen ist unmöglich; niemand kann an deiner Statt singen, aber wir werden dich hören, wie man dich zu Lebzeiten gehört hat, in all den entlegenen Winkeln unserer riesigen Heimat. Denn deine Lieder teilen uns stets etwas mit, etwas unvergleichbar Aufwühlendes und Herzliches.

Leb wohl!

Valerij Zolotuchin(Taganka-Kollege und enger Freund von Vysotsky)

Unser geschätzter und teurer Freund, lieber Volodja. Mir fiel das bittere Los zu, dir im Namen deiner Freunde und des gesamten Theaterkollektivs die Worte des Abschieds zu übermitteln.

Von deinem erstmaligen Erscheinen auf dieser Bühne, von den ersten Schritten über dieses Parkett an bis zum zuletzt erklungenen Wort eines deiner Lieder haben wir, deine Theaterkollegen und Freunde, mit Liebe, Begeisterung, Neugierde, Schmerz und Hoffnung deinen leidenschaftlichen Lebensweg verfolgt. Du warst unsere Seele und du bleibst ein glücklicher Abschnitt unserer Biographien genauso wie der Biographien all derer, die auch nur für eine kurze Zeit mit dir zusammenarbeiten durften. Du wurdest zur Biographie der Zeit.

Unsere Trauer darüber, dich verloren zu haben, ist unendlich. Deinen Kindern und Enkeln werden wir unsere Dankbarkeit überbringen dafür, daß uns das Glück zufiel, mit dir gearbeitet, dich lebend gesehen zu haben. Für die vielen Menschen, die deine Kollegen waren, warst du wie ein Bruder, ein geliebter Bruder, denn deinen Augen konnte man stets ablesen, daß du dem Gegenüber nur Gutes wünschtest. Die Zukunft des Theaters an der Taganka, die es nun ohne dich beschreiten muß, werden wir, deine Freunde, so angehen, wie es die besten und gerechtesten Söhne unseres Vaterlandes, zu denen du zweifellos gehörst, getan hätten: in bewußter Verantwortung gegenüber Russland und mit Gewissenhaftigkeit in Wort und Tat.

Es scheint, als hättest du dein Ende vorausgesehen, als du deine letzten Zeilen schriebst:
"Bin noch am Leben, von dir und Gott beschützt
 Fürchte mich nicht vor seinem Urteil -
 Hier ist mein Werk; das Lied, das ich gesungen:
 Es sei mir nun Rechtfertigung genug".
Liebe Nina Maksimovna, lieber Semen Vladimirovitsch, Marina, verehrte Verwandte und Freunde von Volodja! Die Trauer unseres Theaters ist unendlich. Und nicht nur die des Theaters - eine erstaunliche Volksmenge hat sich dort draußen versammelt, um unserem genialen Sohn, unserem wunderbaren Freund Lebewohl zu sagen.

Er wird uns allen in ewiger Erinnerung bleiben!

Grigorij Tschuchrai (Regisseur)

Vladimir Vysotsky, der Schauspieler und Dichter, ist nicht mehr. Und zehntausende Menschen drängen sich nun draußen vor den Toren des Theaters. Weitere Zehntausend wollten kommen, um sich vor ihm zu verneigen, konnten es jedoch nicht. Das heißt, sie alle brauchten ihn, das alles zeigt ihre tiefe Liebe und Dankbarkeit für alles, was er für sie getan hat.
Es gibt populäre und beliebte Künstler - er jedoch war nicht nur das; er war einer von uns. Für Millionen von Menschen unseres Landes bleibt er unersetzlich, weil in dem, was er tat, soviel Seele, soviel Wahrheit und soviel gesunden Zornes lag. Gesunden und guten Zornes. Er war bissig, er war wuterfüllt und rasend. Er verachtete alles Nichtsnutzige, Furchtsame, Gemeine. Das Volk aber liebte er - er diente seinen Landsleuten und aus diesem Grund trauert heute die Seele unseres Landes ob diesen schweren Verlustes.

Nun liegt er dort auf dieser Bühne, auf der er in so vielen wunderbaren Rollen zu sehen war. Sie alle bleiben in uns verhaftet, sie gehen nicht mit ihm. Auch seine Lieder werden nicht verstummen; sie gehören von nun an dem russischen Volk, sie sind unser aller Eigentum. Wenn ich heute an Vladimir Vysotsky denke, an unseren Kollegen, den Künsteler und Poeten, kommt mir gleichzeitig ins Bewußtsein, wie wichtig unsere Arbeit für die Leute dort draußen ist, jedoch nur die ehrliche, von Herzen kommende Arbeit. Es ist wahr - er schonte sich wirklich nicht, er führte ein selbstzerstörerisches Leben. Sein irrsinniges Temperament hetzte ihn voran und immer, wenn es unerträglich wurde, flehte er heiser schreiend: "Sachte, meine Rappen, sachte nur!". Aber es scheint, er konnte seinen reißenden Lebensstrom nicht verlangsamen, denn das war seine Art, so war nun mal seine Persönlichkeit.

Und dann war er nicht mehr, sein Herz hielt der schweren Belastung nicht stand. Bitterkeit erfüllt uns alle. Meine Kollegen und Freunde verneigen sich heute mit mir vor dir und allem, was du getan hast, Volodja. Nicht nur wegen deiner Filme, die uns als wertvollster Besitz geblieben sind. Nicht nur deswegen. Dafür, daß du du warst - eine tiefe Verneigung.

Die Rede von Jurij Ljubimov, dem Direktor des Theaters an der Taganka, finden Sie auf den Biographie-Seiten.