GEDICHTE UND LIEDTEXTE


Diese Seite beinhaltet deutsche Übersetzungen von Vysotskys Gedichten und Liedtexten. Übersetzungen ins Englische und Französische finden Sie am Ende der Seite als Word97-Dateien vor. Für die russischen Originale suchen Sie bitte die gelinkten Seiten auf.
DEUTSCH
Lied am Mikrofon

Im Rampenlicht, allen sichtbar und klar,
Beginnt das übliche Hin und Her
Ich trete zum Mikro wie zum Altar
Nein, gehe heute eher wie ans Gewehr

Dem Mikrofon bin ich zuwieder
Wie mancher von euch meine Stimme nicht mag
Die leisesten Lügen der Lieder
Verstärkt sie, bringt sie an den Tag

   Scheinwerfer glotzen mir bös ins Gesicht
   Ich sehe nichts, ich sehe nur Weiss
   Leberhaken krieg ich vom Rampenlicht
   Und es wird heiss, unsäglich heiss

Heute bin ich besonders heiser
Doch wechsle ich nicht die Harmonie
Verstellt' ich die Stimme, tiefer und leiser
Das Mikrofon täuschte ich damit nie

Das Mikro, die Bestie, ist scharf wie ein Messer
Nicht zu bestechen, wenn ich falsch singe
Ihm ist es gleich, ob ich schlecht bin, ob besser
Obwohl ich stets ehrliche Arbeit bringe

   Scheinwerfer glotzen mir bös ins Gesicht
   Ich sehe nichts, ich sehe nur Weiss
   Leberhaken krieg ich vom Rampenlicht
   Und es wird heiss, unsäglich heiss

Sein biegzamer Halz späht umher ohne Ruh
Wir eine Schlange zu allem bereit
Beim kleinsten Schweigen, da beisst sie zu
So singe ich bis zur Bewusstlosigkeit

Nur Ruhe, kein Zittern und kein Schritt zurück
Du bist eine Schlange, ich sah deine Zungen
Die Töne sind mein Zauberkunstwerk
Mit dem diese Kobra beschworn wird, bezwungen

   Scheinwerfer glotzen mir bös ins Gesicht
   Ich sehe nichts, ich sehe nur Weiss
   Leberhaken krieg ich vom Rampenlicht
   Und es wird heiss, unsäglich heiss

Wie ein emsiges Küken, gierig verfressen
Pickt es mir jeden Ton aus dem Rachen
Feuert es mir Blei in die Stirn unterdessen
Meine Hand hält die Klampfe, was soll ich machen

Was ist dieses Mikro, ich sehe kein Ende
Jetzt ist es auf einmal das ewige Licht
Kerze, Ikone, gefaltete Hände
Macht mich nicht fromm, erleuchtet mich nicht

   Scheinwerfer glotzen mir bös ins Gesicht
   Ich sehe nichts, ich sehe nur Weiss
   Leberhaken krieg ich vom Rampenlicht
   Und es wird heiss, unsäglich heiss

Meine Musik ist einfach und knapp
Doch erwisch ich mal einen falschen Ton
Fass ich sofort eine Ohrfeige ab
Bestraft es mich hart, dieses Mikrofon.

Im Rampenlicht allen sichtbar und klar
Still ruht der See, oder wild braust das Meer?
Ich trat ans Mikro wie an den Altar
Nein, heute vielleicht wie an ein Gewehr...

Translation © by Walter Berg, 1984
 
 
Mann, das ist kein Leben

Jahrelang, jahrelang
lebte ich vom Klauen.
Niemals Geld, ewig blank,
niemals hübsche Frauen.

Wie banal, wie fatal!
Hab nichts mehr zu hoffen!
Hatt' ich mal Kapital,
hab ich's schnell versoffen.

Armes Schwein, armes Schwein,
halt das Maul und schweige!
Ganz allein, kann das sein?
Freunde? - Fehlanzeige!

Ach, banal, ach, fatal!
Hab nichts mehr zu hoffen!
Hatt' ich mal Kapital,
hab ich's schnell versoffen.

Wodka nur, gleich für drei,
Pik und Cœur daneben.
Was man plant, wird zu Brei.
Mann, das ist kein Leben!

Translation © by Martin Remane
 
 
Lied von der Erde

Wer sagt, verbrannte Erde sei verdorben
und sinnlos sei's, wirft man noch Saat hinein?
Wer sagt, sie regt sich nicht, sei abgestorben?
Nein, nein, das scheint nur manchmal so zu sein.

Wer könnte ihr verbieten zu gebären?
Ihr Schoß ist unerschöpflich wie das Meer.
Kein Feuer kann sie bis zum Grund verheeren.
Sie lebt und atmet, wenn auch kummerschwer.

Durchfurcht noch kreuz und quer von Schützengräben,
von Bombenkratern klaftertief zerwühlt,
nach all den Schrecken, die bedroht ihr Leben,
seufzt sie, in schwarze Asche eingehüllt.

Doch maßlos viel an Leid kann sie ertragen.
Glaubt nicht, daß sie verkrüppelt sei daran,
und ihr nun ewig müßt darüber klagen,
daß sie verstummt sei, nicht mehr singen kann!

Aus tausend Wunden, die ihr Leib erlitten,
ertönt ihr Lied, das sie mit Schmerzen stöhnt,
das unsre Seele allen Stiefeltritten
zum Trotz noch singt, an Not und Qual gewöhnt.

Wer sagt, die Erde starb, erstickt vom Leid?
Sie lebt und singt auch unterm Trauerkleid.

Translation © by Martin Remane
 
 
Das kotzt mich an

Zum Selbstmord lasse ich mich nicht verleiten,
vom Tod zu singen bin ich auch nicht scharf.
Zuwider sind mir jene Jammerzeiten,
wenn man malade ist, nicht saufen darf.

Zutraulichkeit erweckt nicht mein Vertrauen.
Von Zynikern im amtlichen Talar
laß ich mir ungern in die Karten schauen,
von Schnüfflern lesen meine Briefe gar.

Ich lasse mir nicht gern das Maul verschließen,
schweig nicht, wenn man im Satz mich unterbricht.
Nur ungern laß ich mich von vorn erschießen,
doch auch von hinten lieb ich so was nicht.

So wie ich Tratsch in allen Formen hasse,
empfind ich Ehrennadeln nur als Stich,
als kratz' ein Messer über Glas, als lasse
ich streicheln mir das Fell gegen den Strich.

Da ich nicht satte Sicherheit begehre,
mag's sein, daß meine Bremse mal versagt,
wenn man den wahren Sinn des Wortes »Ehre«
vergißt, verfälscht und zu beschmutzen wagt.

Für Demutstypen mit gebrochnen Flügeln
fühl ich zu Recht niemals Barmherzigkeit.
Gewaltlos ist Gewalt zwar nicht zu zügeln,
doch mir ist's gleich ... nur Christus tut mir leid.

Als miesen Feigling würde ich mich hassen,
ließe ich zu, daß man Unschuldige schlägt.
Von keinem möcht ich mich lobhudeln lassen,
der sonst auf Menschlichkeit zu spucken pflegt.

Der ewige Zirkus, wo wie Seifenblasen
Versprechen platzen, juble, wer da kann.
Große Veränderungen? – Nichts als Phrasen.
Das alles mag ich nicht, das kotzt mich an.

Translation © by Martin Remane
 
 
Freiheit der Gitarre

Freiheit, Freiheit! Hände weg! Freiheit der Gitarre!
Bei der Freiheit, der wir zwei unser Leben weihten,
schneidet mir die Adern durch, reißt mir aus die Haare,
aber schont, zerreißt mir nicht meine Silbersaiten!

Locht mich ein! Mundtot genascht, sterb ich Stund um Stunde.
Kümmert sich auch keiner drum wie zu alten Zeiten,
bohrt mir Löcher ins Gehirn, foltert mich, ihr Hunde,
aber schont, zerreißt mir nicht meine Silbersaiten!

Ach, sie stießen mich ins Loch, rissen aus den Händen
die Gitarre mir. Ich schrie: Bringt mich um die Ecke,
schlagt mich tot, zertretet mich! Mag ich hier verrecken,
doch die Silbersaiten laßt heil, ihr Hurenböcke!

Sonne, Mond und Sterne seh ich vielleicht nie wieder.
Seit man mir die Freiheit nahm, kommt mir aus der Kehle
nicht ein Lied mehr! Ganz verstummt bin ich, liebe Brüder.
Ach, mit der Gitarre Klang starb auch meine Seele.

Translation © by Martin Remane
 
 
Die Menschen murrten

Die Menschen murrten, forderten schon lange
Gerechtigkeit und nicht nur kargen Lohn.
»Wir waren doch die ersten in der Schlange!
Doch die, die nach uns kamen, essen schon!«

   Da hieß es: Schimpfen kann euch gar nichts nützen!
   Geht weg, macht Platz, haut ab! Was sucht ihr hier?!
   Ausländer sind's, die da am Tisch schon sitzen.
   Doch ihr Krakeeler wer, wer seid denn ihr?

Die Menschen murrten, forderten schon lange
Gerechtigkeit und nicht nur kargen Lohn.
»Wir waren doch die ersten in der Schlange!
Doch die, die nach uns kamen, essen schon!«

   Da knurrten die mit roten Ordnungsmützen:
   Geht weg, macht Platz, haut ab! Was sucht ihr hier?!
   Die da an überfüllten Tischen sitzen,
   sind hohe Delegierte! Wer seid ihr?

Die Menschen murrten, forderten schon lange
Gerechtigkeit und nicht nur kargen Lohn.
»Wir waren doch die ersten in der Schlange!
Doch die, die nach uns kamen, essen schon!«

Translation © by Martin Remane
 
 
Die fremde Spur

Ich bin selbst schuld! Verflucht! Ohrfeigen könnt ich mich,
daß ich in diese ausgefahrne Rinne fuhr!
Das eigne Ziel hier zu erreichen – glaubte ich.
Jetzt komme ich nicht wieder raus aus dieser Spur.

Die Furchen Schlamm, die Ränder glitschig! Ein Skandal!
Verdammt! Wer hinterließ als Weg uns diesen Dreck?
Das ist kein Weg! Der, des, dem, den ... in jedem Fall
ein Irrweg ist's! Hier kommt man ja nicht mehr vom Fleck!

Jedoch Geduld! Ich fordere vielleicht zuviel?
Ist solche Schmalspur denn bei uns nicht längst normal?
Wer rammt dich hier? Bleib brav im Glied, verhält dich still!
Trotz allem geht's doch vorwärts stets, ob Berg, ob Tal.

Gemütlich ist's sogar, man fühlt sich nie allein,
so wie man ißt und trinkt bei uns – stets einwandfrei.
Dem gleichen Ziel strebt jeder zu, das muß so sein.
Scher nur nicht aus! Am Vordermann geht's nicht vorbei.

Denn schreit da wer: »He, laß mich durch! Ich bin pressiert!«
dann gibt es Streit, wenn einer nicht sogleich pariert.
Bricht er mit Vollgas aus der Spur, dann ist's passiert,
der Motor kocht wie er vor Wut und – explodiert.

Man kippt ihn um, verbogen krumm räumt man ihn weg.
Da liegt er dann, der Blödian, im Grabendreck
und stört nicht mehr die anderen, die weiter stur
die schmale Spur verfolgen, die nun breiter nur.

Verflucht! Jetzt hab ich selber Pech! Der Starter streikt,
der Motor bockt! Da hilft nur noch, daß man aussteigt.
Wer schiebt mich an? Da ist kein Mann, der helfen will.
Mir wird ganz flau, ich seh den Stau, hör nur Gebrüll.

Ich schieb allein, bis von der Stirn mir rinnt der Schweiß.
Wer preist uns das als Richtspur an! Verdammter Scheiß!

Jedoch warum war ich so dumm, daß ich drauf fuhr?
Vertieft hab ich, verbreitert selbst dadurch die Spur.
Laß dich auf solche Schmalspur ein, da gehst du drauf.
Wer da noch folgt, gibt sicherlich die Hoffnung auf.

Ich aber schob mit letzter Kraft, obschon ganz schwach,
und sah ein Brett, herangeschwemmt vom Frühlingsbach.
Passierbar war dort, wo es lag, der Schmalspurrand.
So kam's, daß ich darüber weg den Ausweg fand.

Mein Hinterrad, das spuckte auf die Rinne Dreck.
»Nachzügler«, schrie ich, »wählt wie ich den eignen Weg!
Doch wenn ihr gern versacken wollt, fahrt weiter stur
auf eurer alten, ausgelatschten Teufelsspur!«

Translation © by Martin Remane
 
 
Auf Schukschins* Tod

Kein Windhauch, der nach Frost schon schmeckte,
die Erde weich noch, warm wie Luft
und rot der Schneeballstrauch – da legte
ein Mann sich in die Friedhofsgruft.

Ein Omen ließ der Mann nicht gelten,
das noch dem Volk als Warnung gilt.
Holt doch der Tod zuerst nicht selten,
die selbst ihr Sterben schon gespielt.

Wenn's so ist, Freund, dann keine Eile!
Steil anders ein die Kamera,
schreib um den Text, daß jede Zeile
lebendig bleibt, dem Leben nah!

Kein Mensch, der Tränen dann verdrängte,
als er, längst todeswund im Bauch,
getreu der Erde ihr sich schenkte
unter dem roten Schneeballstrauch,
unter dem roten Schneeballstrauch.

Die Besten pflegt der Tod zu fangen
und treibt sie einzeln vor sich her.
Ein Bruder ist von uns gegangen,
vom Leid erlöst stört er nicht mehr.

Den »Stepan Rasin« noch zu drehen
in diesem Jahre, hoffte er.
Keins seiner Werke wird vergehen,
doch er, der Meister, lebt nicht mehr.

Man hörte Schicksalsstimmen raunen:
»Von diesem Mann nehmt das Tabu!
Als Sterbender sah er mit Staunen
den eignen Leichenfeiern zu.

Ihn, der mit seinem großen Herzen
so schwer zu tragen sich erbot,
enthebt dem Lager seiner Schmerzen,
bevor er selbst begehrt den Tod!«

Grad dem gewohnten Bad entstiegen,
trat er vor Gott nüchtern und rein,
entschlossener, sich ihm zu fügen,
als er's im Spiel je konnte sein.

* russ. Regisseur, Schauspieler und Schriftsteller

Translation © by Martin Remane
 
 
Massengräber

Auf Massengräber setzt man keine Kreuze,
schluchzende Witwen kommen hierher nicht.
Die einen bringen Blumensträuße,
andre entzünden das ewige Licht.

Hier, wo sich einst die Erde bäumte,
liegen jetzt Platten aus Granit.
Keiner ist einzeln dageblieben,
wir sehen Alle hier wie Einen liegen.

Im Schein der Flamme, siehst du, brennt
ein Panzer, Hütten, brennt das ganze Land.
Smolensk in Flammen und der Reichstag brennt.
Im Herzen der Soldaten: Rußlands Brand.

An Massengräbern weinen keine Witwen.
Die Leute hier, die sind von anderem Schlage.
Auf Massengräber setzt man keine Kreuze,
doch leicht fällt keinem seine stumme Klage.

Translation © by Harry Oberländer
 
 
Das Dampfbad

Heiz mir ein heißes Dampfbad ein,
entwöhnt bin ich der schönen weiten Welt.
Ich bin benebelt und da hilft allein,
daß heißer Dampf das Dunkel mir erhellt.

   Frau Wirtin, mach das Dampfbad heiß.
   Ich glüh vom Zeh bis an die Ohren,
   sitz auf der Kante, drück den Steiß,
   schwitz Zweifel raus aus allen Poren.

   Ich bin so schlaff, daß es mir graut –
   ein kalter Guß erfrischt die Äderchen.
   Auf meiner linken Brust erblaut
   das tätowierte große Väterchen.

Heiz mir ein heißes Dampfbad, heiz mir ein,
und ich gewöhn mich an die schöne weite Welt.
Ich bin benebelt und da hilft allein,
daß heißer Dampf das Dunkel mir erhellt.

   Das Leid erbaute Trassen für Giganten.
   Der Glaube fiel wie Wälder, Baum für Baum.
   Links auf der Brust, der, den wir nun erkannten*,
   rechts die Marinka, mein und aller Traum.

   Was brachte mir mein treuer Glaube ein,
   wieviele Jahre Ruhelohn im Paradies?
   Ich tauschte nur die große Dummheit ein
   gegen ein enges, finsteres Verlies.

Heiz mir ein heißes Dampfbad, heiz mir ein,
entwöhnt bin ich der schönen weiten Welt.
Ich bin benebelt und da hilft allein,
daß heißer Dampf das Dunkel mir erhellt.

   Des schönen frühen Morgens eingedenk:
   Mein Hilfeschrei, man schafft mich fort.
   Der alte Spitzelgriff ans Handgelenk.
   Zerrt nur, Sibirien ist hier wie dort.

   Danach, im Steinbruch oder Moor
   war'n Becher voller Tränen das Gewohnte.
   So nahe unsern Herzen war sein Ohr,
   daß er sie brechen hören konnte.

Heiz mir kein heißes Dampfbad ein,
entwöhnt bin ich der schönen weiten Welt.
Ich bin benebelt und da hilft allein,
daß heißer Dampf das Dunkel mir erhellt.

   Ach, die Geschichten sind zum Spein.
   Dampf treibt Gedanken aus dem Schädel.
   Die kalten Tage damals tausch ich ein
   gegen ein Dampfbad, heiß und edel.

   Ja, die Gedanken hämmern laut.
   Umsonst trag ich sein Bild, das Mal.
   Mit Birkenzweigen peitsche ich die Haut,
   dies finstre Erbe aus der Zeit der Qual.

Heiz mir ein heißes Dampfbad ein,
entwöhnt bin ich der schönen weiten Welt.
Ich bin benebelt und da hilft allein,
daß heißer Dampf das Dunkel mir erhellt.

* gemeint ist Stalin

Translation © by Harry Oberländer
 
 
Der schwarze Mann

Mein schwarzer Mann in schlichtem Grau,
der war Minister, Hausverwalter, Offizier.
Die Masken wechselnd wie ein böser Clown
schlug er mich nieder ohne hinzuschaun.

Sie brachen mir die Flügel, lächelnd.
Ich mußte winselnd mich ergeben.
Vor Schmerzen stumm, ohnmächtig hechelnd,
flüsterte ich noch: Danke, für mein Leben.

Mein Aberglaube ließ mich Zeichen deuten:
All das vergeht wie Fieber, eine Idiotie!
Ich rannte in Büros von feinen Leuten,
und dabei schwor ich mir: Nie wieder, nie!

Um mich herum hysterisches Geschrei:
Der gondelt nach Paris. Und unsereiner?
Jagt ihn aus Rußland, aus, vorbei!
So'n lascher Staat. Merkt das denn keiner?

Zerrissen sich das Maul um meine Datsche,
ich hätte Geld wie Heu. Hier auf der Stelle
geb ich euch alles her für das Gequatsche.
Nehmt ohne Aufpreis die Dreizimmer-Zelle.

So mancher Rat war wirklich gut gemeint
von meinen Freunden, den berühmten Dichtern:
Daß stumm sich nicht auf Opium reimt.
Und nichts als Arroganz in den Gesichtern.

Meine Geduld ist hin, die Route abgesteckt.
Der Tod, ich steh mit ihm auf du,
hat nur vor meinem Röcheln noch Respekt
und zieht allmählich seine Schlinge zu.

Ich habe keine Angst. Zu seiner Stunde
soll das Gericht mich rufen und befragen.
Die Uhr läuft ab, Sekunde um Sekunde.
Hab meine Last, so gut es ging, getragen.

Ich weiß, was heilig ist und was verlogen.
Das konnte ich, trotz allem, früh erkennen.
Dies ist mein Weg. Bald bin ich fortgezogen,
es bleibt mir keine Wahl, ich muß mich trennen.

Translation © by Harry Oberländer
 
 
Das stumme Haus

Verstummtes Haus, in Finsternis versunken,
durch das die bösen kalten Winde wehn.
Mit Fenstern, die zur Schlucht hinuntersehn,
mit Toren zu der großen Straße.

Erschöpft und müde spannte ich die Pferde aus.
He, wer da lebt, komm raus und hilf!
Nichts als ein Schatten geisterte am Haus,
ein Geier stieß herab und kreiste tief.

Gehst du ins Haus, ist da die Kneipe.
Ein Haufen Leute, feindselig im Mief.
Die hauen dir, dem Fremden, in die Fresse,
hier hängen die Ikonen schief.

Und es beginnt ein seltsam trübes Reden.
Man stöhnt ein Lied, quält die Harmonika.
Ein blöder Dieb, ein Epileptiker,
zeigt heimlich unterm Tisch ein Messer her.

Antwortet mir, was ist das für ein Haus?
In Dunkelheit wie eine Pestbaracke.
In dieser Luft gehn die Ikonenlämpchen aus,
doch wer von euch kann ohne Luft hier leben?

Die Türen offen, Joch die Seelen eingesperrt.
Wo ist der Wirt? Ich möchte ein Glas Wein.
Die Antwort ist: Du warst zu lange fort.
Wir leben immer so, tagaus, tagein.

Wir essen Sauerampfer, kauen ewig Gros.
Die Seelen sind versauert und verdorrt.
Wir trösten uns mit Wein im Übermaß,
das Haus verwüsten wir mit Schlägerei und Mord.

Ich hab mein Pferd zerschunden vor den Wölfen.
Zeigt mir ein Land mit hellem Lichterschein.
Ich such den Ort für Lieder ohne Tränen,
in Häusern soll der Boden eben sein.

Doch solche Häuser sind uns unbekannt.
Zu lange leben wir in Dunkelheiten,
in Bosheit, Argwohn, neidischem Geflüster.
Schwarz die Ikonen seit uralten Zeiten.

Aus dem Gestank und vor den schiefen Heiligen
floh ich, warf meine Fesseln ab, die Bürde.
Die Füße trugen mich, der öffne Blick
sah Menschen aufrecht gehen und in Würde.

Viel ging vorbei, für immer fortgeschwommen.
Das Leben spuckt mich aus, da hilft kein Fluch.
Euch zu besingen ist vielleicht mißlungen:
euch, schwarze Augen, und das weiße Tuch.

Translation © by Harry Oberländer
 
 
Der Sündenbock

In einem Park – kann mit dem Namen nicht mehr dienen –
lebt unter Wölfen, jedoch brav und bieder,
ein Ziegenbock; der heulte aber nicht mit ihnen,
der meckerte ganz friedlich seine Ziegenlieder,
zupfte gemächlich Gras, wurde langsam dicklich
und nie verließ ein Schimpfwort seinen Mund.
Er nützte keinem, blieb gern brav und schicklich
und gab zu keinen Klagen Grund.
So lebt' er still an einem kleinen See
und nie betrat er boshaft fremdes Land,
er war kein Sündenbock in spe –
und doch: man hat gewählt und ihn ernannt!

Da war der Bär: ein Wirrkopf und Ganove,
der griff in seinem Tone oft sehr frech daneben –
dann suchte man den Bock, der war ja jetzt der Doofe,
um ihm ganz herzhaft Prügel auf die Nuß zu geben.
Dann stand er still, der kleine, graue,
ertrug die Prügel stolz und froh,
daß selbst der Bär, der neunmalschlaue,
sprach: "Unser Bock gefällt mir so,
ein Ziegenmaul, doch heldenhaft!"
Man hegt den Bock wie's eigen Blut
und schaut nach ihm gewissenhaft,
daß er nicht fortzugehn geruht.

So sprang umher der Bock, nach Ziegenart,
doch schon begann ihn Mutwill umzutreiben;
er knüpft sich Knoten in den Bart,
rief "Lump" zum Wolf – nicht ohne im Gebüsch zu bleiben.
Als man ihm seine Sünden wieder mal erließ,
die Wölfe hatten mehr als zugeteilt gefressen,
schrie er wie der Bär. Zufällig? Alle hörten dies
und hatten es schon bald vergessen,
denn unter den Tieren im Park war Streit –
weshalb ihnen allen sonnenklar,
daß besser als Füchse und Bären zur Zeit
ihr teurer Sündenbock war.

Das hört auch der Bock, und es verändert sein Wesen:
Ihr Braunen, schreit er, ihr mit den Flecken,
eure Bären-Privilegien sind mal gewesen,
und die Wolfsration brauch ich zu anderen Zwecken.
Was ein Ziegenmaul kann, bring ich euch bei,
ich zeig euch, wo's langgeht und mache euch Beine,
ich nehm euch aufs Horn und schlag euch zu Brei
und kassiere den Ruhm dafür ganz alleine!
Dreck sollt ihr fressen, allesamt,
ihr sollt krepieren ohne Vergebung,
ich hab eure Sünden fest in der Hand –
denn ich bin der Sündenbock der Bewegung!

Translation © by Helmut Butzmann
 
 
Vom wilden Eber

In einem Königreich, wo Ruh und Ordnung dominierten
kein Krieg, kein Sturm je war, nie Unglücke passierten,
geschah es, daß ein Ochsenbüffeleber, groß und wild,
zerstörte das idyllische Bild.

Der König, an Asthma leidend und krank am Magen
(mit seinem Husten war sein Land geschlagen),
sah, wie das Untier sein Volk dezimierte,
die einen fraß, die anderen entführte.

In drei sofort erlassenen Dekreten
wurden die zum Kampf gebeten,
die imstand, das Untier zu besiegen –
als Lohn war des Königs Tochter zu kriegen.

Nun lebte in diesem verängstigten Land,
gleich neben dem Eingang, rechter Hand,
in sorglosem Gleichmut und wildem Genuß
ein verstoßener Bürger mit dem besten Schuß.

Er lag auf dem Boden, auf weichen Fellen,
trank Met und sang mit seinen Gesellen.
Da klang ihm vom Schloß der Trompeten Signal,
man griff ihn und schleppt’ ihn zum Königssaal.

Milchbart, sprach hustend der König ihn an,
wir vergessen, was war! Bist du der Mann,
dem das Untier im Kampf wird erliegen,
dann sollst du mein einziges Töchterlein kriegen.

Der Schütze erwidert: Das ist doch kein Lohn –
bin Portweintrinker, kein Schwiegersohn.
Die Prinzessin behaltet für andere Zwecke,
ich bringe das Biest auch so um die Ecke.

Der König: Das ist ein Befehl, du hast sie zu nehmen,
sonst ab ins Gefängnis! Du solltest dich schämen,
sie ist meine Tochter! – Der Schütze spricht:
Und wenn du mich totschlägst, ich nehme sie nicht.

Sie stritten und jeder zog kräftig vom Leder.
Inzwischen hatte der schreckliche Eber
viel Frauen und Hühner zu sich genommen
und war schon sehr nahe ans Schloß gekommen.

Nichts zu machen: der Schütze bekam seinen Wein,
legte das Biest um und kehrte heim.
Er blamierte König und Tochter mit größtem Genuß –
der verstoßene Bürger mit dem besten Schuß.

Translation © by Helmut Butzmann
man with guitar (5KB)
Auf der Bolschoj Karetny*

Wo wächst ein Kerl wie du heran?
Auf der Bolschoj Karetny.
Wo fing dein ganzes Unglück an?
Auf der Bolschoj Karetny.
Wo hast du die Pistole her?
Von der Bolschoj Karetny.
Und wo, wo wohnst du jetzt nicht mehr?
Auf der Bolschoj Karetny.

Kennst du das Haus dort vis à vis?
Das kenn ich allzugut sogar.
Nur halb gelebt hat der, der nie
auf der Bolschoj Karetny war,
auf der Bolschoj Karetny.

Wo wächst ein Kerl wie du heran?
Auf der Bolschoj Karetny.
Wo fing dein ganzes Unglück an?
Auf der Bolschoj Karetny.
Wo hast du die Pistole her?
Von der Bolschoj Karetny.
Und wo, wo wohnst du jetzt nicht mehr?
Auf der Bolschoj Karetny.

Die Straße hat man umbenannt,
da ist jetzt alles fremd und neu.
Doch überall, du Bummelant,
gehst du, wo immer es auch sei,
durch die Bolschoj Karetny.

Wo wächst ein Kerl wie du heran?
Auf der Bolschoj Karetny.
Wo fing dein ganzes Unglück an?
Auf der Bolschoj Karetny.
Wo hast du die Pistole her?
Von der Bolschoj Karetny.
Und wo, wo wohnst du jetzt nicht mehr?
Auf der Bolschoj Karetny.

* Straße in Moskau

Translation © by Martin Remane
 
 
Zur Butyrka*

- Zur Butyrka muß ich fahren!
Los, Chauffeur, wo das Gefängnis steht!
- Kommst zu spät, Genosse, seit zwei Jahren
ist das abgerissen. Ja, die Zeit vergeht!

- Schade, Mann, wie könnt ich das vergessen!
War für mich ein lang vertrauter Ort.
Na, dann zur Taganka! Hab gesessen
später ein paar Monate auch dort!

- Hol's der Teufel! Hält man uns zum Narren?
Die steht auch nicht mehr! Jedoch seit wann?
- Na, dann dreh dein Lenkrad um. Wir fahren
schnellstens jetzt nach Hause, guter Mann.

Nein, halt an! Wir rauchen erst mal eine
oder trinken was! Wenn's dir beliebt,
auf die Zeit, wo es in Rußland keine
Knäste mehr und keine Lager gibt.

* Die Butyrka ist ein berüchtigtes Moskauer Gefängnis

Translation © by Martin Remane
 
 
Weinen wird die Braut um mich

Weinen wird die Braut um mich, die Hände ringen.
Meine Schulden zahlt vielleicht ein Freund für mich.
Stümper werden meine besten Lieder singen.
Meine Feinde lachen und besaufen sich.

Bücher, die ich gern hab, wird man mir nicht geben.
Die Gitarre wird verstauben, saitenleer.
Kann nicht tiefer sinken, darf mich nicht erheben,
Sonne, Mond und Sterne seh ich wohl nicht mehr.

Hab kein Recht auf Freiheit, kann fünf Schritt nur gehen
von der Tür zur Wand in diesem schmalen Raum.
Nicht nach rechts und nicht nach links kann ich mich drehen,
nur ein Stück Himmel bleibt mir und – mein Traum.

Nur der Traum, daß bald mein Schloß wird abgenommen,
daß man mir die eignen Kleider wiederbringt,
daß, mich zu empfangen, gute Freunde kommen,
und – was für ein Freiheitslied man mir dann singt.

Translation © by Martin Remane
 
 
Über Serjoschka Fomin

Ich wuchs im Hinterhof mit meiner Bande auf.
Nachts wodkaselig oft grölten wir freche Lieder.
Wir alle mochten uns, ob bei Gesang, Gesauf.
Der Schnüffler Fomin nur, der war uns sehr zuwider.

In seiner Bude traf uns jener Schicksalsschlag,
als unsres Führers Traum so kläglich war zerronnen,
und der, dem er getraut – vergesse das, wer mag –
sein listger Paktkumpan, den Krieg plötzlich begonnen.

Ich wurde freigestellt vom Kriegskommissariat.
Dein Kombinat, sprach man, darf dich jetzt nicht verlieren.
Ich lehnte ab, jedoch der Fomin ließ sich glatt
durch seinen Herrn Papa vom Frontdienst reklamieren.

Ich wollt ja gern mein Blut vergießen für mein Land,
doch nicht für Leute, die nur Vorrechte genießen,
wie Fomin dieser Lump und dreckige Denunziant,
der als Etappenschwein auch kaum wird hungern müssen.

Ins Kino kann er gehn und sieht die Wochenschau,
möcht wenigstens vom Krieg sich was berichten lassen.
Schön wär's, man schickte doch zur Front die feige Sau,
und einem Fritz gelingt's, ein Ding ihm zu verpassen.

Doch aus war dann der Krieg, erobert war Berlin.
Erleichtert waren wir, zu schwer war's uns geworden!
Ich kam nach Haus und traf den wackeren Fomin
als Held der Sowjetmacht, die Brust gespickt mit Orden.

Translation © by Martin Remane
 
 
Alles, alles ist verkehrt

Manchmal seh ich nachts im Traum
goldne Lichter blinken,
so als möcht der nächste Tag
freundlicher mir winken.
Schau ich aber morgens dann
raus aus meiner Kammer,
scheint mir alles ganz verkehrt.
Und aus Katzenjammer
muß ich, muß ich, gottverdammt,
wieder Wodka trinken.

In der Kneipe: Schnaps und Wein,
weiße Servietten.
Bettler-Narren-Paradies.
Wohin sonst mich retten?
In der Kirche: Finsternis,
fade Weihrauchdünste.
Nein, auch dort ist alles nicht
so, wie man sich's wünschte.
Sauf dich voll, Mann, alles ist
nicht, wie man sich's wünschte.

Klettre ich den Berg hinauf,
Schlimmrem zu entgehen,
seh ich einen Kirschbaum da,
dort 'ne Erle stehen.
Wär der Berg efeuumrankt,
wär's ein Grund zum Lachen.
Aber alles ist nicht so,
mich vergnügt zu machen.
Sauf dich voll, Mann, Wodka nur
kann uns fröhlich machen.

Laufe ich am Fluß entlang,
ganz von Gott verlassen,
liegt der weite Weg vor mir,
gähnen ferne Straßen.
Längs des Weges schwarzer Wald,
Hexen hör ich heulen.
An des Weges Ende steht
das Schafott mit Beilen.
Sauf dich voll. Am Ende steht
das Schafott mit Beilen.

Pferde traben wie im Takt
schnaufend durch's Gelände.
Schlimm ist's auf dem weiten Weg,
schlimmer noch am Ende.
Kirche, Kneipe ... einerlei,
nichts ist heilig heute.
Alles, alles ist verkehrt.
Pleite gehn wir, pleite.
Sauft euch voll, sternhagelvoll.
Na sdarowje, Leute!

Translation © by Martin Remane
alternative Übersetzung
 
 
Strafgesetzbuch

Ich pfeif auf Advokatenwinkelzüge;
ich weiß recht gut, was die Justiz uns gibt.
Das Strafgesetzbuch sagt mir's zur Genüge.
Als bestes Buch ist's sehr bei uns beliebt.

Wenn ich 'nen Kater hab und kann nicht schlafen,
nehm ich mir irgendeine Seite vor
und freß mich fest in all den Paragraphen.
Im Morgengrauen erst hau ich mich auf's Ohr.

Glaubt nicht, ich möcht Ganoven Rat erteilen.
Raub ist – ich weiß – bei denen so beliebt,
weil's dafür nach gewohnten Strafurteilen
'nen Dreier nur, höchstens 'nen Zehner gibt.

Doch lest einmal die reichlich langen Listen
verbotner Bücher, und ihr wißt genug!
Ein Nichts dagegen sind die kurzen Fristen
für Falschspiel, Rauferei und Scheckbetrug.

Soll das noch hundert Jahr so weitergehen?
Sieht man denn nicht ein menschliches Geschick
bei jeder Frist? – Ist kurz sie aus Versehen,
dann freu ich mich, dann hatte einer Glück.

Riskiere ich's jedoch auch zu befragen
die Paragraphen, die mich selbst bedrohn,
beginnt mein Herz vor Schreck so wild zu schlagen,
als schlügen an die Tür die Bullen schon.

Translation © by Martin Remane
 
 
Wo seid ihr, Wölfe?

Wie ein blitzendes Messer erhob sich der blutrote Tag,
und die Meute der Jäger erschien, die im Hinterhalt lag,
mit den Flinten schon schußbereit, funkelnd, vom Morgentau naß.
Auf dem faulig stinkenden Flußufer bebte das Gras
bei dem Aufstieg der Riesenlibellen und – los ging der Spaß.

Mit verkniffenen Kiefern kauerten wir auf dem Bauch.
Sogar der, der die Lappen mißachtet hat, zitterte auch...
Der den Kugeln entrann und der schnellste wohl mochte sein,
mit den Pfoten grub er sich halb in die Erde schon ein
und machte sich, bebend vor Angst wie ein Mäuschen klein.

Niemals hab ich gehört, daß ein Wolfsleben lustig sein kann,
ob wir selbst es uns wünschen – vergeblich zwar – froh, ohne Tränen.
Doch der Tod, der lächelt mit breitem Grinsen uns an
mit makellos kräftigen, teuflisch gesunden Zähnen.

Darum grinsen wir auch, wenn der Erzfeind uns attackiert,
doch die Schweißhunde noch nicht fallen über uns her.
Aber wenn unser Blut ringsum den Schnee tätowiert,
dann jaulen wir: »Wölfe, nein, Wölfe sind wir nicht mehr!«

Und dann kriechen wir hündisch mit eingezogenem Schwanz,
unsere Schnauzen verwundert und fragend gen Himmel gereckt.
Ob der Schöpfer zur Strafe uns trieb in den Todestanz?
Ist's das Ende der Welt? Oder nur ein Gehirndefekt?
Warum schießt die Libelle? Was ist's, was man damit bezweckt?

Unterm Bleiregen mußten wir baden im eignen Blut
und begriffen: Alles ist aus! Wir fanden uns ab,
als der Schnee langsam schmolz von der brennenden Bäuche Glut.
Doch nicht Gott, sondern Menschen verschuldeten dies Massengrab!
Aber fort flogen sie! Über keinen brach je ein Richter den Stab.

Doch ihr Bluthunde, hütet euch, weiter Streit zu riskieren!
Wenn ihr selbst nicht mit Übermacht kommt, dann gnade euch Gott!
Der Wolf trotzt dem Tod, um die Freiheit nicht zu verlieren!
Ihr Köter, ihr sterbt einen kläglichen Sklaventod!

Mit wölfischem Grinsen gehn wir den Feinden entgegen,
damit uns die Nachwelt nicht Feiglinge schimpft hinterher.
Doch unsere Blutspur im Schnee kann nicht widerlegenden
kläglichen Aufschrei: »Wir sind keine Wölfe mehr!«

In den Wald! In den Wald! Ihr letzten, die übrig geblieben!
Je schneller ihr lauft, um so weniger trifft man euch!
Vergeßt nicht die Jungen, in Sicherheit bringt eure Lieben!
Die betrunkenen Jäger lenke ich ab ... und rufe zugleich
die Verirrten zusammen, die sich der Freiheit verschrieben.

Ach, nur wenige sind's, die ans andere Ufer kommen!
Ich schaffte nicht mehr, was vermag schon einer allein!
Meine Stimme versagt, ich seh nur noch alles verschwommen.
Gelbäugige Brüder, hört ihr nicht mein Schrein?
Wo seid ihr, Wölfe, erschossen, gefangengenommen?

Ich lebe noch, aber von Hunden bin ich umzingelt,
die all ihren Herrn nie haben die Zähne gezeigt,
die alle umschmeicheln, winselnd, die Schwänze geringelt!
Entfernte Verwandte, von ähnlichen Eltern erzeugt.

Mit wölfischem Grinsen blicke ich ihnen entgegen,
entblöße die Zähne, die stumpf sind schon allzu sehr.
Die Schneespur verweht... Wem wird heut das Herz noch erregender
klägliche Aufschrei: »Wir sind keine Wölfe mehr!«

Translation © by Martin Remane
 
 
Untertauchen

Satt hab ich alles, das Saufen, das Rauchen!
Auch meiner Lieder bin schon längst ich müd!
Möchte am liebsten ganz untertauchen,
daß mich kein Mensch mehr noch hört oder sieht.

»Trink doch ein Gläschen noch, trink doch, mein Lieber!«
sagte mein Freund und rief Verka heran.
»Alles, Mensch, alles, Mensch geht ja vorüber!
Wodka und Verka, das hilft jedem Mann!«

Möcht weder Wodka noch Verka mehr sehen!
Nichts als ein Brummschädel kommt dabei raus.
Möcht wie ein U-Boot auf Tauchstation gehen,
kenn mich da oben schon gar nicht mehr aus.

Leid ist mir längst schon dies elende Leben,
bin aller Worte längst satt bis zum Schlund,
will kein Signal mehr nach oben noch geben,
ruhn wie ein Wrack auf dem Meeresgrund.

Translation © by Martin Remane
 
 
Er kam nicht aus der Schlacht

Was ist denn anders? Alles scheint wie immer –
derselbe Himmel wölbt sich blau und sacht,
derselbe Wald und überm See derselbe Schimmer,
nur, daß er nicht zurückkam aus der Schlacht.

Nie mehr erfahr ich, wer im Recht war
in hitzigen Debatten durch die Nacht.
Gerade erst begann er mir zu fehlen,
als er nicht mehr zurückkam aus der Schlacht.

Er schwieg zur Unzeit, sang nicht im Takt,
er gab beim Reden nie aufs Thema acht.
Nie gab er Ruhe, störte mich im Schlaf,
doch gestern kam er nicht mehr aus der Schlacht.

Daß es jetzt leer ist, davon red ich nicht,
ich merkte plötzlich: Früher warn wir zwei.
Mir ist, als hätt der Wind das Feuer ausgeweht,
als er nicht zurückkam aus der Schlacht.

Heut brach der Frühling aus wie aus Gefangenschaft.
Irrtümlich rief ich: Laß mir einen Zug
aus deiner Zigarette. Antwort war die Stille.
Heut, als er nicht zurückkam aus der Schlacht.

Unsere Toten stehn uns immer bei,
Gefallene sind unsere treuen Wächter.
Der Himmel spiegelt sich im See, im Wald,
und blau, so blau schimmern die Bäume.

Im Unterstand war Platz genug für zwei
für zwei ist auch die Zeit vergangen.
Das alles bleibt für einen – doch ich hab gedacht,
daß ich es war, der blieb in dieser Schlacht.

Translation © by Harry Oberländer
 
 
Die Wolfsjagd

Ich renne wieder mit aller Kraft.
Umsonst, wie immer, meine Finten.
Sie kreisen mich ein, sie haben's geschafft:
Sie hetzen mich froh vor die Flinten.

Hinter den Tannen, auf Knall und Fall
sind die Jäger im Schatten versteckt.
Der Wolf ist das Ziel, der Wolf verreckt,
der Wolf überschlägt sich im Schnee.

   Jagt die Wölfe, hetzt sie tot,
   mit Hund und Haßgesängen.
   Es färbt das Blut den Schnee so rot,
   wo die roten Lappen hängen.

Die Jäger spielen ein ungleiches Spiel,
das Spiel mit den roten Attrappen.
Sie treffen mit ruhiger Hand ihr Ziel,
denn der Wolf geht nie durch die Lappen.

Das ist bei den Wölfen ein alter Brauch
und ist doch der Wölfe Verderben.
Das mußten die Wölfe in Kopf und Bauch
schon mit der Muttermilch erben.

   Jagt die Wölfe, hetzt sie tot,
   mit Hund und Haßgesängen.
   Es färbt das Blut den Schnee so rot,
   wo die roten Lappen hängen.

Der Wolf ist doch ein starkes Tier
mit Zähnen und mit Klauen.
Warum denn, Leitwolf, sag es mir,
fehlt ihm das Selbstvertrauen?

Mein Jäger lächelt vor dem Schuß.
Zum Ziel bin ich geboren.
Man macht mit meinem Leben Schluß,
zieht's Fell über die Ohren.

   Jagt die Wölfe, hetzt sie tot,
   mit Hund und Haßgesängen.
   Es färbt das Blut den Schnee so rot,
   wo die roten Lappen hängen.

Jetzt pfeif ich auf diese Tradition
und gehe beherzt durch die Lappen.
Mit meinem Leben auf und davon,
nur Mut, es wird schon klappen.

Ich renne wieder mit aller Kraft,
wenn sie mir Saures geben.
Heut ist es anders, heute lacht
die Freiheit mir, das Leben.

   Jagt die Wölfe, hetzt sie tot,
   mit Hund und Haßgesängen.
   Es färbt das Blut den Schnee so rot,
   wo die roten Lappen hängen.

Translation © by Harry Oberländer
alternative Übersetzung
 
 
Vorbei die Zeit für Vorwort und Präludium

Vorbei die Zeit für Vorwort und Präludium,
alles im Lot, ich lüg nicht, schlagt mich krumm.
Hohe Tiere holen mich in ihre Büros
und sagen: "»Die Wolfsjagd«. Leg los!"

Einer hat im Vorbeigehen was gehört
oder wurde von seinen Kindern gestört.
Egal, ein hoher Genosse gab Order
und erhielt einen Kassettenrecorder.

Etwas war bei ihm hängengeblieben
vom Morgengespräch mit seinen Lieben,
denn klammheimlich, die Luft war rein,
schaltete er das Gerätchen ein.

Die Kopie war von miserabelster Sorte:
Kaum verstand er die letzten Worte.
So hörte er sich »Die Wolfsjagd« an
und noch ein paar Stücke – hintendran.

Hört alles bis zum letzten Akkorde
und noch wütend über die fehlenden Worte,
greift er zum Hörer: "Schafft her den Poeten,
Ich geb ihm die Chance hier aufzutreten."

Kein Wodka heute, den Mut zu wecken,
ein Rülpsen bleibt in der Kehle stecken.
Halb auf der Schwelle, halb im Haus
brülle ich lauthals das Lied heraus.

Natürlich hatten seine Kinder gebeten,
mir nicht gleich in den Hintern zu treten –
doch im Gegenteil, laut klatschte am Schluß
der hohe Genosse. Ihm war's ein Genuß.

Sanft klirrt das Glas in seiner Hand,
das eben noch hinter Büchern stand.
Er platzt heraus: "Du singst ja von mir,
von uns allen. Deine Wölfe sind wir!"

O je, das habe ich nun davon.
Täglich schellt fünfmal das Telefon:
Hohe Tiere holen mich in ihre Büros
und sagen: "»Die Wolfsjagd«. Leg los!"

Translation © by Harry Oberländer
 
 
Fehlerfrei

In den Rahmen an der Wand,
hingen Männer mit viel Bart,
mit Kettchen und Brillen, imposant,
oder – im Volkston – mit Pincenez, apart.
Die haben alle was entdeckt,
zum Beispiel Vakzination –
und bin ich heut noch nicht verreckt,
verdank ich es ihrer Passion.

Der Doktor sagte: "Sie sind krank!"
und augenblicks war ich zufrieden.
Die Herren lächeln von der Wand,
hier ist kein Knast, hier kannste liegen,
hier wirst du auf keine Pritsche geschafft,
hier liegt man weich und keiner flucht,
das ist nicht Untersuchungshaft,
hier wirst als Gast du untersucht.

Obwohl es mir fast überall gebricht,
hier bleibt die Angst mir fern.
Gebt her, ich unterschreibe ungeprüft,
der Medizin verschreibe ich mich gern.
Sklifossowskij**, der das Institut begründet,
ist mir ein Freund in schweren Stunden.
Genosse Botkin**, den man dicht daneben findet,
hat einst die Gelbsucht selbst erfunden.

Ein Sonderling, wer hier in meiner Lage
Gesetze wälzt und Paragraphen.
Der Doktor steckt mich höchstens ein paar Tage
ins Irrenhaus – um auszuschlafen.
Das ist das Paradies auf Erden,
du hast die Wahl, was aus dir werde:
Du kannst hier selbst Budjonnyi* werden
und, wenn du willst, eins seiner Pferde.

Ich bin gesund, darauf geb ich mein Wort.
Hier aber zählen Worte nicht.
Und wieder schau ich auf die Bilder dort
und zische diesen Leuchten ins Gesicht:
"Hätt sich Kaschtschenko** auf eigenes Bitten
in Pirogows** Klinik gelegt zum Genesen,
hätt niemals Pirogow ihn aufgeschnitten,
wär da nicht ein triftiger Grund gewesen."

Mein Doktor aber, ein großer Pedant,
Vorsicht und Umsicht in eigner Person:
"Sie haben die Sache zwar klar erkannt,
doch denkbar wär auch eine andre Version."
So liege ich im Fünfbettzimmer,
die Tür geht auf, der Professor weht herein,
zeigt auf mich mit langem Finger:
"Paranoiker!" – Und das entscheidet der allein!

Daß ihr da hängt, ihr Koryphäen,
an eurer Wand, ist mehr als gut.
Ihr Lieben, werd euch nie verschmähen,
ihr seid mein Schutz, ihr macht mir Mut.
Burdenko und Wischnewskij** – meine Zuversicht,
ich hoff auf euch, ihr werdet mir bescheinigen:
Es sind des Geistes Wirren nicht,
nur Seelennöte, die mich peinigen.

Ein gutes Drittel ist schon defekt
von meinem Hirn – na und?
Wer will, hat dir schnell ein paar Leiden gesteckt –
oder seid ihr etwa alle gesund?

Ich stamme aus einem starken Geschlecht,
zugegeben, mein Urgroßvater war blind.
Schwiegervater soff, da ist's mir recht,
daß solche von anderem Blute sind.
Antworte, Doktor, unter uns beiden,
auf die einzige Frage, die sich hier stellt:
Suchst du bei mir ein richtiges Leiden,
oder wird hier ein Urteil gefällt?

Der Doktor, die Helfer, alle waren betreten,
an der Wand die Leuchten hatten auch nichts zu sagen,
die vor dem Fenster versank ungebeten,
und die Brillen an den Kettchen waren beschlagen.
Auch der Vater der Gelbsucht wurde feucht,
und ich bemerkte: seine Wangen
wirkten verfärbt und waren leicht
ins Gelbliche übergegangen.

Der Füller senkte sich aufs Papier,
es kratzte beim Schreiben die Feder.
Der Doktor schrieb – nicht zum Wohle von mir,
er tat seine Arbeit wie jeder.
Die Feder wurde mir zum Stilett,
durchdrang mich, ich blickte ins Klare:
Paranoia! – schrieb der Doktor fett –
und das heißt: ein paar Jahre.

* Semen M. Budjonnyi (1883-1973), dreimaliger
Held der Sowjetunion, befehligte im Russischen
Bürgerkrieg die legendäre 1. Kavalerie.
** Namen berühmter russ. Mediziner

Translation © by Helmut Butzmann
 
 
Im Lazarett

Ich lebte bon in Moskau, ach! mit Papa und Mama,
Jetzt lieg ich flach im Lazarett. Und Schwesterchen Klawa
Verbindet mich. Scheißheldentum! Durchs Laken suppt das Rot.
Mein Nachbar links, der lebt noch. Und der rechte ist schon tot.

Der links hat rumgefiebert: He du, dein Bein ist ab!
Mit seinen blöden Witzen bringt der Kerl mich noch ins Grab.
Vonwegen Bein ab, denkste! Das hab ich selbst gehört:
Wir schneiden bloß die Zehen ab – der Doktor hat's geschnürt.

Mein Nachbar links, der spinnt doch! Der redet mir was ein,
Der phantasiert im Fieber rum von nix als von mein Bein.
Dein Bein ist futsch! und futsch ist dein Weib – sprach dieses Schwein.
Ich sehe was, was du nicht siehst: Ich seh dein abbes Bein.

Wenn ich nicht so kaputt wär, Mensch, dann spränge ich aus'm Bett
Und biß dem Kerl die Kehle durch, dann kriegte der sein Fett.
Sagt mir die Wahrheit! Gebt doch mal Antwort, wenn man fragt!
Mein rechter Nachbar, Schwester, der hätt es mir gesagt.

Translation © by Wolf Biermann
 
 
An die Dichter

Wer tragisch um sein Leben kommt, ist wahrlich ein Poet,
ein Dichterfrühtod ist eben gescheiter.
Mit 26 unterbrach ein Schuß des einen Weg,
im "Angleterre" erhängte sich ein zweiter.

Auch Jesus war ein Dichter. Mit 33 Jahr
sprach er: Du sollst nicht töten, denn ich seh dich!
Man schlug ihn an das Kreuz dafür und bannte die Gefahr,
denn seine Lehre galt als äußerst schädlich.

Die Ziffer 37 bracht so manchen schon zur Höll,
ernüchternd läßt's auch mich jetzt kalt erschaudern.
Bei dieser Zahl fiel Alexander Puschkin im Duell.
Und Majakowski schoß ohne zu zaudern.

Verweilen wir bei 37, denn Gott will es so.
Entweder – oder, stellt er dir die Frage.
An dieser Hürde scheiterten einst Byron und Rimbaud,
doch heute sind die Dichter Herr der I ade.

Sie sagen die Duelle ab, verschieben sie vielleicht,
mit Samthandschuhen kreuzigen die Richter.
Mit 37 Lenzen fließt kein Blut, und auch nur leicht
versilbert sind die Schläfen unsrer Dichter.

Zu feig zu schießen seid ihr! Faßt euch doch ein Herz...
Geduld, Hysteriker und Psychopathen!
Der Dichter Weg führt über Messerklingen, und wer hört's,
wenn sie verblutend sühnen ihre Taten?

Die lange Zaubererin wird zur Zauberin erklärt,
und auch den Dichter will man so beschneiden.
Er hängt am Dolch und fühlt sich dabei noch geehrt.
Man fürchtet ihn. Er darf nun endlich leiden!

Ihr tut uns leid, die ihr an schicksalhaften Zahlen hängt,
ihr glaubt wie Sklaven, alles käm von oben.
Das Leben hat den alten Maßstab für die Zeit gesprengt –
der Dichter Frist ist nun vielleicht verschoben.

Translation © by Andreas Svoboda
 
 
Respekt vor Faust

Respekt vor Faust, auch ehr ich Dorian Gray,
doch meine Seele wird der Teufel nie gewinnen.
Auch mir weissagten meinen Todestag aus dem Kaffee
höchst ungerufene Zigeunerinnen.
He du, oh Teufel, streiche mir das Datum nicht
in deinem schwarzen Buche an!
Hast du’s bereits getan, oh dann verzicht
kurz vor der Frist auf jenen Stundenplan.
Ich will nicht warten, während draußen Raben
mit Engeln schwatzen schon in letzter Konferenz.
Ich will nicht, daß die Leute was zu kichern haben.
Schnell streiche aus das Datum meines Ende!
Ach, meine Seele ist schon überschneit
mit Angst und Zweifeln und voll Endlichkeit.
Ach was, Unsterblichkeit! Ich bitt um eine breite Strahle,
dazu ein Freund, ein Pferd für meinen letzten Ritt.
Demütig sei mein Kopf gesenkt, damit man mich fortlasse
an jenem Tag. Und keiner schaue hinterher mit Tränenblick.

Translation © by Robert Schindel
ENGLISH
The following file contains all the English translations I've found on the net. Download it here: eng_lyrics.doc [Microsoft © Word 97 SR-2]
FRANÇAIS
Le fichier suivant contient toutes les traductions en français que j'ai trouvées sur l'internet. Téléchargez-l'ici: fr_lyrics.doc [Microsoft © Word 97 SR-2]