"Ein Jahrhundert unter dem Joch"


Der Direktor des Moskauer Taganka-Theaters, Jurij Ljubimow, über ein russisches Künstlerleben unter den Kommunisten und seine Erinnerungen an Stalin


Ljubimow, 81, ist der große alte Mann des russischen Theaters - eine quicklebendige Legende. 1964 gründete er seine Moskauer Avantgarde-Bühne, einen von Zensur und Verbot bedrohten Glitzerpunkt im grauen Sowjetleben. Gastregisseur in London, Washington, Bologna und Paris, wurde er 1984 ausgebürgert und kehrte 1989 heim ans Taganka-Theater.

Jurij Ljubimow (8 KB)SPIEGEL: Jurij Petrowitsch, wir möchten über Rußlands Anteil an der Weltkultur reden. Aber die Lage ist so, daß man einen prominenten Russen erst einmal nach dem Beitrag seines Landes zur Lösung des Kosovo-Konflikts fragen muß.

Ljubimow: Wollen Sie meinen Hausfrieden stören? Meine Frau ist Ungarin, und Ungarn ist jetzt in der Nato, da konnte ich natürlich meinen Beitrag dadurch leisten, daß ich meine Frau verprügele - dafür, was ihr mit unseren Freunden, den Serben, tut. Sie hätte dann ihren Sohn geholt, der auch mein Sohn ist, ein sehr starker Junge ...

SPIEGEL: ... halb Russe und halb Ungar ...

Ljubimow: ... und nun repräsentiert er die Nato. Und der sagt: Meine Mutter darfst du nicht verprügeln. Sonst haben wir unser eigenes Kosovo in der Wohnung.

SPIEGEL: Bittere Witze.

Ljubimow: Wir sind das gewohnt. Schon ihre Ehe mit mir war für ihre Mutter ein Grund zum Weinen: Wie kann man Vertrauen haben zu Russen, die mit Panzern kamen, 1956? Das können Ungarn nicht vergessen. Obwohl meine Frau außerhalb jeder Politik steht - wenn es irgendwie um Ungarn geht, muckt sie sofort auf.

SPIEGEL: Und Jugoslawien?

Ljubimow: Da ist es richtig, behutsam zu sein und tolerant, nach vernünftigen Auswegen zu suchen, auch wenn es Fluchtwege sind. Was bleibt denn anderes, wenn zwei Böcke auf einer Brücke mit ihren Hörnern aufeinander losgehen? Für Milosevic habe ich keine Sympathie, weil ich die Mentalität von Kommunisten kenne. Das einzige, was sie interessiert, ist die Macht. Er würde genauso auch seine Serben umbringen lassen, wenn es darum geht, an der Macht zu bleiben. Ein sehr beschränkter Typ, sehr borniert und hartnäckig.

SPIEGEL: Verantwortlich für den Tod von 200 000 bis 300 000 Menschen ...

Ljubimow: Im letzten Stück, das ich am Taganka-Theater inszeniert habe - Solschenizyns Werk "Scharaschka" über eine Werkstatt im Straflager -, spiele ich die Rolle Stalins. Da waren die Dimensionen schon anders, da ging es um Millionen, und einem solchen Menschen bedeutet das nichts. Er hat über Nacht alle Tschetschenen aussiedeln lassen, alle Wolgadeutschen nach Kasachstan verschickt, ohne Unterschied. Jeden Bauern und jeden Intellektuellen hat er umbringen lassen, wenn es ihm gefiel.

SPIEGEL: Haben Sie genug Humor auch für die Stalin-Rolle?

Ljubimow: Dafür reicht es noch. Stalin saß einmal in der Theaterloge und ließ den großen Regisseur Konstantin Stanislawski zu sich kommen. Der hatte fürchterliche Angst vor den Bolschewiken und stellte sich mit seinem bürgerlichen Namen Alexejew vor. Stalin reichte ihm zwei Finger und sagte: "Dschugaschwili", also auch seinen bürgerlichen Namen.

SPIEGEL: Welche Lösung des Kosovo-Problems hätte Stalin heute wohl gesucht?

Ljubimow: Er würde die Völker auseinandersiedeln, Truppen hinschicken, alles besetzen - wenn er das gekonnt hätte. Tito war für ihn blind wie ein neugeborenes Kätzchen, so sagte er (Ljubimow streicht sich einen fiktiven Schnauzbart und droht mit rauher Stimme): "Solange ich lebe, würde eine Fingerbewegung von mir reichen, damit Tito verschwindet. Aber wenn ich gestorben bin, werdet ihr euch gegenseitig anfallen wie blinde Kätzchen."

SPIEGEL: Sie zitieren Stalin exakt mit der Mimik und seinem georgischen Akzent. Haben Sie ihn persönlich erlebt?

Ljubimow: Ich habe einmal im Kreml gesehen, wie er Krebse aß. Hinter seinem Rücken fand ein Konzert statt. Es waren etwa 500 Gäste geladen. Und er sitzt da am Tisch, ißt diese Krebse, bricht sie auseinander, schiebt sie in den Mund ...

SPIEGEL: Voilà, ein Mensch.

Ljubimow: Dann hat er sich die Hände an der Tischdecke abgewischt. Und merkt plötzlich, daß hinter seinem Rücken etwas passierte. Er dreht sich um, am Klavier sitzt Swjatoslaw Richter und spielt nicht, weil gefressen und gelärmt wird. Richter war einer, der etwas von sich hielt, also spielte er nicht, sondern wartete, bis alle Ruhe gaben.

SPIEGEL: Ziemlich lebensgefährlich.

Ljubimow: Hinter den Kulissen schreit jemand: "Du sollst spielen, du jüdisches Schwein." Und da greift Stalin zu einem Messer und schlägt gegen sein Glas. Plötzlich lassen diese 500 Leute Gabeln und Messer fallen. Sie sitzen da und schweigen. Und in diese Stille hinein schlägt Richter richtig zu, er spielte da Beethoven oder so was ganz Machtvolles.

SPIEGEL: Stalin war eben ein Musikfreund.

Ljubimow: Wenn alle betrunken waren, dann wurden georgische Volkslieder gesungen, das stimmt. Er machte sich eine Gaudi daraus, seine Gäste alle besoffen zu machen und sie dann gegeneinanderzuhetzen. Dann konnte er sich in sein Schlafzimmer zurückziehen und schlief auch gut: Bis morgen früh würde es jedenfalls keine Verschwörung geben.

SPIEGEL: Was ist es für ein Gefühl, ihn überlebt zu haben und nun auf der Bühne darzustellen?

Ljubimow: Ich genieße es. Von Haus aus bin ich ja Schauspieler, das Stück "Scharaschka" habe ich absichtlich so inszeniert, daß ich die Rolle selbst spielen muß.

SPIEGEL: Wie reagiert das Publikum, wenn es Stalin auf der Bühne sieht und wenn es Sie als Stalin sieht?

Ljubimow: Zwei- oder dreimal ist es mir gelungen, die Leute dazu zu bringen, aufzustehen und zu applaudieren - und zwar nicht mir, sondern Stalin. Im Text von Solschenizyn heißt es: "Das Volk liebt den Genossen Stalin." Darauf sagt er: "Das stimmt." An dieser Stelle wird manchmal geklatscht, aber es ist kein Riesenbeifall.

SPIEGEL: Die Zuschauer von heute sind andere geworden, Sie haben einmal gesagt: dümmer.

Ljubimow: Die modernen Theaterbesucher lassen sich nicht richtig begeistern: Sie sitzen da und reagieren kaum, irgendwie gebremst, und kommen erst langsam in Stimmung, nach dem Motto: Das kennen wir alles, haben wir schon mal gesehen. Die Massenkultur, die über den amerikanischen Film und unser ihm nacheiferndes Fernsehen zu uns gekommen ist, hat das Niveau gesenkt.

Manchmal gelingt es aber, bei Stalin einen stürmischen Applaus zu provozieren, die Leute stehen auf. Da mache ich eine Drohgebärde mit dem Finger (Ljubimow nimmt eine virtuelle Tabakpfeife aus dem Mund):

"Aber das Volk selbst taugt nichts, ist geflüchtet und hat seinen Führer im Stich gelassen. Ich habe sie alle festgesetzt und gesagt: Keine Revolutionen mehr, alle Revolutionen liegen hinter mir."

Die Leute setzen sich und sind irgendwie enttäuscht. Und die Augen sagen: Wozu hast du uns so was zugemutet. Ein sehr seltsames Spiel, was sich da ereignet. Ich habe im Foyer eine große Landkarte vom Gulag anbringen lassen. Über das ganze Territorium Rußlands sind diese Pünktchen verstreut, wo Straflager waren. Die Leute stehen davor und erzählen: Hier ist mein Vater umgekommen, hier ist jemand von meinen Angehörigen geblieben.

SPIEGEL: Sie spielen Stalin nur in Andeutungen und kehren immer wieder an Ihr Regiepult zurück. Wollen Sie Stalin als großen Regisseur zeigen - war er das?

Ljubimow: Das muß er wohl gewesen sein. Der Schauspieler Nikolai Tscherkassow, der die Hauptrolle in Sergej Eisensteins Film "Iwan der Schreckliche" gespielt hat, erzählte mir, der zweite Teil des Films habe Stalin äußerst mißfallen. Er sagte nur: "Das soll runtergespült werden", also vernichtet.

SPIEGEL: Er soll gesagt haben, es sei falsch, im Zaren Iwan einen Verbrecher zu sehen.

Ljubimow: Und zugleich sagte er, Iwan sei zu liberal gewesen. Über Peter den Großen befand er, der hätte schon ganz ordentlich gemetzelt, aber noch nicht genug.

SPIEGEL: Churchill hat er beeindruckt.

Ljubimow: Der hatte sich in Jalta 1945 fest vorgenommen, vor Stalin nicht aufzustehen. Plötzlich stand der vor ihm, Churchill war es peinlich, er erhob sich und schüttelte Stalin die Hand. Das hat er sich selbst nie verziehen. Zumal Stalin ihm auch noch mit dem Finger drohte - als ob er nicht schnell genug aufgestanden wäre.

SPIEGEL: Theatralisch war Stalin hoch begabt, aber Sie würde er um Ihre Stimme beneidet haben. Er hätte tausend Leute hinrichten lassen, wenn er dafür Ihre Stimme bekommen hätte.

Ljubimow: Das hätte zu seiner Art zu scherzen gepaßt. Der alte Schriftsteller Sergej Michalkow, Vater des jetzt in die politische Elite drängenden Regisseurs Nikita, hatte mit seinem Koautor El-Registan den Text für die Hymne der Sowjetunion geschrieben. Stalin stellte dann an manchen Stellen ein bißchen um, schrieb was dazu, strich etwas raus. Dann sagte er: "So kann es bleiben."

Beide sollten mitteilen, was sie dafür als Honorar haben wollten. Michalkow erklärte: "Für meine schöpferische Tätigkeit brauche ich eine Datscha bei Moskau, damit ich mich konzentrieren kann." Der andere, dieser El-Registan, wünschte sich nur den Bleistift, mit dem Stalin seinen Hymnentext korrigiert hatte.

SPIEGEL: Und wie entschied Stalin?

Ljubimow: Er sagte: Michalkow kriegt den Bleistift, und der andere kriegt die Datscha.

SPIEGEL: Sie haben sich so in ihn hineinversetzt, daß der Verdacht entsteht, Sie könnten ihn verehrt, gar geliebt haben.

Ljubimow: Das nicht. Mein Großvater wurde aus seinem Haus einfach in den Schnee rausgejagt, als er 86 war. Der war anfangs Leibeigener und hat sich durch Arbeit einen Platz im Leben erkämpft. Mein Vater kam ins Gefängnis, weil er zur Zeit der neuen Wirtschaftspolitik ab 1922 ein Geschäft aufgemacht hatte. Sie verlangten Geld, das hatte er nicht. Weil sie ihm nicht glaubten, haben sie meine Mutter verhaftet, dann auch noch die Tante, welche sich um uns Kinder kümmerte. Nun blieben wir drei Kinder ganz allein, ohne Beistand.

SPIEGEL: Wie alt waren Sie da?

Ljubimow: Neun, ich bin 1917 geboren. Wir berieten zu dritt, wer zum Gefängnis fahren sollte, um für die Mutter ein Lebensmittelpäckchen abzugeben. Mein älterer Bruder wollte hinfahren, da habe ich gesagt: Du nicht, denn dich können sie genauso einsperren. Ich aber bin noch klein.

SPIEGEL: Da brauchten Sie sich am Fensterchen des Empfangsraums im Gefängnis wenigstens nicht demütig zu bücken wie die anderen Bittsteller.

Ljubimow: Ich mußte mich hochstrecken. Sie hatten meine Mutter nach Rybinsk verbracht, da fuhr ich hin. Es war keine Empfangszeit mehr, da klopfte ich einfach am Tor. Sie haben mich reingelassen und sogar zum Ermittlungsrichter geführt, und der hat dann meine Mutter kommen lassen. So habe ich sie noch einmal sehen können.

SPIEGEL: In Rybinsk hat Stalin ein großes Elektrizitätswerk samt Stausee bauen lassen. Da drängt sich die Frage auf: Wo stünde Rußland heute eigentlich, wenn es Stalin nicht gegeben hätte?

Ljubimow: Das wäre besser gewesen. Er hat mehr Menschen vernichten lassen, als wir im Krieg verloren haben. Das ist sicher. Nur ein Volk wie das russische konnte dies alles über sich ergehen lassen.

SPIEGEL: Solschenizyn behauptet, wenn Stalin nicht gewesen wäre, hätte es irgendeinen anderen Stalin gegeben.

Ljubimow: Fast ein ganzes Jahrhundert lang unter solchem Joch zu leben, das kann nicht ohne Folgen bleiben. Deshalb ist das Volk so verwirrt. Ich hoffe, daß wir demnächst ein besseres Parlament wählen, die Kommunisten da ein Fiasko erleiden und nicht weiter die Duma dominieren, das ist meine Hoffnung. Wenn sie dagegen an die Macht kommen sollten ...

SPIEGEL: ... dann bieten wir Ihnen Asyl.

Ljubimow: Ich komme auf Ihr Angebot zurück.

SPIEGEL: Auch wenn die Chinesen kommen.

Ljubimow: Dazu gibt es die Schnurre über Breschnew, dem gemeldet wird: "Leonid Iljitsch, die Chinesen sind da." Da sagte er (Ljubimow läßt einen Mundwinkel hängen und knödelt in gequetschtem Baß): "Da wird man nicht umhin können, sich zu erschießen." Die Melder erwidern: "So geht es nicht, jetzt müssen Sie auf den Kremlturm klettern, Applaus spenden und rufen, Sie freuen sich, daß die Chinesen auf Bitten der Partei und des Volkes Einzug halten. Und dann werden wir Sie erschießen."

SPIEGEL: Ihr Taganka-Theater ist vor exakt 35 Jahren gegründet worden, kurz bevor Breschnew Parteichef wurde. Und die Kinder seines Nachfolgers Jurij Andropow wollten gern zu Ihnen ans Theater.

Ljubimow: Aber ich habe sie nicht angenommen. Als ich dann aus einem ganz anderen Anlaß zu Andropow kam, sagte er: "Ich möchte Sie umarmen. Sie haben mich davor bewahrt, daß meine Kinder zum Theater gegangen sind. Als sie zurückkamen, weinten sie bei uns in der Küche sehr lange, weil Sie gesagt haben, die sollen studieren, an die Uni gehen und sich dann später mal irgendwann beim Theater bewerben. Die Mutter und ich, wir konnten ihnen nicht beibringen, daß es für sie nicht der richtige Weg sei."

SPIEGEL: Sie haben beim Generalsekretär der KPdSU den Hausfrieden gerettet.

Ljubimow: Und dann fragte er: "Haben Sie gewußt, daß es meine Kinder sind?" Ich sagte: "Nein, habe ich nicht." Da guckte er mich mißtrauisch an: "Warum haben Sie dann eine ganze Stunde Ihrer Zeit auf sie verwendet?" Ich sagte: "Die jungen Leute haben mir einfach leid getan." Ich bin nicht sicher, daß er mir das geglaubt hat.

SPIEGEL: Jurij Petrowitsch, wann haben Sie begriffen, daß dieses sozialistische System nicht auf Dauer angelegt ist?

Ljubimow: Als unser Dichter Wladimir Wyssozki zu Grabe getragen wurde, 1980, und sie danach Druck auf mich gemacht haben - die Aufführung des "Boris Godunow" wurde verboten, ein Stück über Wyssozki wurde verboten, auch Proben zum Stück "Theaterromanze". Und mir haben sie gesagt: "Wenn Ihnen hier alles so mißfällt, haben Sie grünes Licht, in den Westen zu gehen; komisch, daß Sie das nicht begreifen."

SPIEGEL: Sie haben es dann begriffen und sind nach England und Israel gegangen.

Ljubimow: Nicht ganz so. Ich sagte denen: Hier habe ich mein Theater. Sie sagten: "Das Theater gehört dem Staat." Und sie schickten mich nach England, um "Schuld und Sühne" aufzuführen. Dort ist es passiert. Andropow starb, und sein kranker Nachfolger Tschernenko hat als eine seiner ersten politischen Handlungen meinen Rausschmiß befohlen. Er war ja schon nicht mehr bei Sinnen. Ohne wieder zu Bewußtsein zu kommen, war Tschernenko zur Ausübung des Amtes eines Generalsekretärs angetreten.

SPIEGEL: Vor dem lebenden Leichnam Tschernenko hatten Sie nicht die Flucht ergreifen wollen?

Ljubimow: Mein Vater hätte uns schon nach der Oktoberrevolution 1917 ins Ausland bringen können, er war ein vermögender Mann. Aber er meinte, dieser Schwachsinn muß ja zusammenbrechen, so was kann nicht lange anhalten. Dasselbe sagte mir mein Großvater, der, wie gesagt, mit 86 nackt in den Schnee geworfen wurde. Als ich einmal sein Gepäck getragen habe, hat er mir einen silbernen Rubel gegeben. "Denk immer daran", sagte er, "jede Arbeit muß bezahlt werden. Deshalb werden die Kommunisten nicht weit kommen, alles wird zusammenbrechen, weil sie diesem Motto nicht folgen." Ich habe also schon als Kind gelernt, daß die Sache nicht von Dauer sein kann.

SPIEGEL: Können Sie uns sagen, was Stalin zum Antisemiten gemacht hat?

Ljubimow: Ich weiß sehr genau, daß Stalin kurz vor seinem Tod die Verbannung der Juden aus Moskau vorbereitet hatte. In den Hausverwaltungen wurden schon Listen von Juden zusammengestellt, Stalin wollte alle aus der Stadt deportieren lassen.

SPIEGEL: Ilja Ehrenburg zauderte, in der "Prawda" einen Hetzartikel gegen die Juden zu unterzeichnen. Er schrieb Stalin einen Brief und soll damit Eindruck auf Stalin gemacht haben.

Ljubimow: Er konnte auch anders reagieren. Eines schönes Morgens schaltete Stalin sein Radio ein, da wurde etwas übertragen von der Pianistin Marija Judina, sie war wirklich großartig. Sie spielte Beethoven oder Mozart, Stalin hörte hin und sagte: "Die Schallplatte mit dieser Musik soll her, sofort." Die Judina war aber sehr unbeliebt bei den Machthabenden, und es gab keine Platte von ihr. Man holte sie in ein Studio, schnell wurde eine Platte angefertigt, die ganze Nacht daran gearbeitet.

Stalin sagte: "Das muß ordentlich bezahlt werden." Man schickte ihr einen Batzen Geld, den sie zurückschickte mit einem Brief: "Ich kann kein Geld von Ihnen entgegennehmen, geben Sie es den Kindern, die Sie elternlos gemacht haben. Ich werde für Sie beten, Sie waren ja in einem Priesterseminar und wissen, was das bedeutet."

Den Brief hat man bei ihm im Panzerschrank gefunden, nach seinem Tod. Er hatte ihr weiter nichts getan. Er muß sich gesagt haben: Soll sie für mich beten.

SPIEGEL: Warum aber hat er den Regisseur Wsewolod Meyerhold erschießen lassen?

Ljubimow: Ich kann nur meine Vermutung äußern. Nikolai Erdmann, der Autor des schönen Werks "Selbstmörder" - er war zur Hälfte Deutscher, wie Meyerhold auch -, hat erzählt, wie Meyerhold eine Aufführung des Schauspiels "Mandat" vorbereitet hat. Darin kommt ein kleiner, schmächtiger Spießbürger vor, der von seiner Hausverwaltung ein Dokument, das Mandat, bekommen hat und prahlt: "Mit diesem Papier kann ich jetzt halb Rußland verhaften lassen. Und die da oben auch", und zeigt dabei nach oben.

Die Rolle spielte mein Freund Erast Garin, ein großer Improvisator auf der Bühne. Bei einer Probe fragt er: "Welche Namen soll ich denn nun sagen?" Und Meyerhold ruft aus dem Saal: "Sag doch einfach Stalin!"

SPIEGEL: Und das hat Stalin erfahren.

Ljubimow: Eines Tages befand Stalin, daß alles, was er veranstalte, zu trist und zu trübe ausfalle: die Paraden zu steif, die Demonstrationen zu langweilig. Er forderte, man möge sich was Schöneres einfallen lassen. Meyerhold hatte damals die Idee, daß vom GUM, dem Kaufhaus gegenüber dem Lenin-Mausoleum, Kinder mit Blumen auf die Tribüne zulaufen und Stalin sie auf den Arm nimmt.

SPIEGEL: Diese ganze Show stammt ausgerechnet von Meyerhold?

Ljubimow: Ja, Stalin hatte gleich eine Träne im Auge und war sehr beeindruckt, hat aber nicht gefragt, von wem die Idee stammt. Seine Lakaien haben es ihm nicht gesagt, denn Meyerhold saß schon im Gefängnis und wurde fürchterlich gefoltert.

SPIEGEL: Da war ihm für seinen Gewalthaber wirklich etwas Schönes eingefallen.

Ljubimow: Wie Alexander Gribojedow schon sagte, zu Zeiten Puschkins: "Schlimmer als alle Leiden dieser Welt ist die Liebe oder der Haß unserer Herren." Übrigens ein ganz hervorragendes Stück von Gribojedow, es heißt: "Verstand schafft Leiden". Müßte mal übersetzt werden.

SPIEGEL: Das Stück wurde 1965 in Göttingen aufgeführt, dann in neuer Übersetzung in Wuppertal, da hieß es: "Weh dem, der denkt". Und vor vier Jahren in Berlin, auf russisch. In Deutschland gab es immer eine sehr starke Rezeption der russischen Kultur, trotzdem viel zuwenig.

Ljubimow: Die historischen Beziehungen sind ja auch phänomenal. Schade, daß die Berührung jetzt viel schwächer geworden ist. Es gibt weniger Ausstellungen, es wird weniger übersetzt, man kommt seltener zusammen. Experten haben keine Kontakte, obwohl persönliche Beziehungen doch viel einfacher geworden sind. Traurig. Unsere beiden Kulturen müssen zueinanderfinden, wenn wir wieder einen gesitteten Umgang miteinander in Gang setzen. Mit nur einem Pol ist das eine sehr langweilige Welt. Deutsche und Russen haben fürchterliche Diktaturen hinter sich, Sie und wir, da können wir eher füreinander Verständnis aufbringen als andere.

SPIEGEL: Noch gibt es eine tiefe Kluft zwischen unseren Zivilisationen. Was ist der Grund, daß die russische Intelligenzija sich heute politisch nicht engagiert?

Ljubimow: Abgrundtiefe Enttäuschung. Sie engagieren sich kaum oder aber kleinkariert. Wenn der Lebed ruft, geht man nach Krasnojarsk zum Gouverneur Lebed. Wenn Korschakow sie ruft, fahren sie nach Tula. Man macht sich lustig und wird für Wahlkampagnen ausgenutzt. So einer wie Nikita Michalkow, der Sohn. Der hat sich bei der Stichwahl für den Präsidenten Jelzin einbinden lassen.

SPIEGEL: Lebed fördert die schönen Künste?

Ljubimow: Er ist jetzt mehr damit beschäftigt, die Mafia am Ort zu bekämpfen. Der echte Mäzen ist Jurij Luschkow, der Moskauer Oberbürgermeister.

SPIEGEL: Er fördert das Taganka-Theater.

Ljubimow: Er hilft uns ...

SPIEGEL: ... und der Architektur und der Bildhauerei. Finden Sie es gut, wenn er die Macht gewinnt, seinem Geschmack landesweit Ausdruck zu verleihen?

Ljubimow: Sie meinen das Denkmal Peter des Großen, das von einem Freund Luschkows errichtet und von der Moskauer Intelligenzija kritisiert wurde ...

SPIEGEL: Jurij Petrowitsch, als Sie 1988 als einer der ersten Verbannten nach Rußland zurückkehrten, in das Rußland der Perestroika Gorbatschows, da haben die Menschen in Moskau geweint und waren sich einig: Nun wird alles gut. Sind diese Hoffnungen enttäuscht worden?

Ljubimow: Deshalb verzeichnen doch die Kommunisten ihre Teilerfolge. So sind nun einmal die Russen: Ein potentieller Bettler wird Kommunist.

SPIEGEL: Zum Jubiläum Ihres legendären Taganka-Theaters haben Sie jetzt jenes Stück neu inszeniert, das 1964 bei der Gründung gespielt wurde: Brechts "Guten Menschen von Sezuan", der sich die Mittel für seine Wohltaten durch Ausbeutung beschaffen muß. Ist das eine Botschaft für die gegenwärtige Situation?

Ljubimow: Das Stück wirkt heute noch aktueller als damals. Ein Beamter kam jetzt zu mir - er hatte seine Hand im Spiel, als die Kommunisten mir mein Theater wegnahmen. Damals, sagte er, habe er die halbe Aufführung nicht verstanden, aber nun begreife er: "Ein Stück über uns, jetzt weiß ich, daß ich das Richtige tue."

SPIEGEL: Theater als moralische Anstalt.

Ljubimow: Ein Geschenk von Herrn Ljubimow an die Bürger.

SPIEGEL: Jurij Petrowitsch, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.




DER SPIEGEL 23/1999
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