WILLIAM SHAKESPEARE'S
Hamlet
MONOLOG DES HAMLET: "Sein oder Nichtsein"
[Das Drama entstand 1600/01 und wurde 1603 gedruckt]

Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage: / Ob's edler in Gemüt, die Pfeil' und Schleudern / Des wütenden Geschicks erdulten, oder, / Sich waffnend gegen eine See von Plagen, / Durch Widerstand sie enden. Sterben-schlafen - / Nichts weiter! - und zu wissen, dass ein Schlaf / Das Herzweh und die tausend Stöße endet, / Die unseres Fleisches Erbteil - 's ist ein Ziel / Aufs innigste zu wünschen. Sterben-schlafen - Schlafen! / Vielleicht auch träumen!- Ja, da liegt's: / Was in dem Schlaf für Träume kommen mögen, / Wenn wir den Drang des Ird'schen abgeschüttelt, / Das zwingt uns stillzustehn. Das ist die Rücksicht, / Die Elend läßt zu hohen Jahren kommen. / Denn wer ertrüg' der Zeiten Spott und Geißel, / Des Mächt'gen Druck, des Stolzen Mißhandlung, / Verschmähter Liebe Pein, des Rechtes Aufschub, / Den Übermut der Ämter und die Schmach, / Die Unwert schweigendem Verdienst erweist, / Wenn er sich selbst in Ruhstand setzen könnte / Mit einer Nadel bloß? Wer trüge Lasten / Und stöhnt' und schwitzte unter Lebensmüh'? / Nur dass die Furcht vor etwas nach dem Tod - / Das unentdeckte Land, von des Bezirk / Kein Wandrer wiederkehrt - den Willen irrt, / Dass wir die Übel, die wir haben, lieber / Ertragen, als zu unbekannten fliehen. / So macht Gewissen Feige aus uns allen; / Der angeborenen Farbe der Entschließung / Wird des Gedankens Blässe angekränkelt; / Und Unternehmungen voll Mark und Nachdruck, / Durch diese Rücksicht aus der Bahn gelenkt, / Verlieren so der Handlung Namen. - Still! / Die reizende Ophelia. - Nymphe, schließ / In dein Gebet all meine Sünden ein.

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VYSOTSKY ÜBER SEINEN "HAMLET"
[Ausschnitte aus Fernsehinterviews und Auftrittsmonologen]

Für den Hamlet, den ich spiele, stellt sich die Frage nach dem "Sein oder Nichtsein" gar nicht, denn er will "Sein"! Er weiß, daß es gut ist, zu leben, daß er einfach leben muß. Die Antwort liegt hier also für jeden auf der Hand - und dennoch: diese Frage quält uns schon seit Menschengedenken. Es muß also etwas dran sein an diesem Zweifel; etwas ist nicht in Ordnung mit dem Leben, wenn es immer wieder so hinterfragt wird.
   Diese Art der Inszenierung ist, soweit ich andere Interpretationen des "Hamlet" kenne, ganz neu.Vysotsky als Hamlet (7KB) Alle anderen versuchten und versuchen, diese verhängnisvolle Frage auf der Szene zu beantworten. Wir lassen sie jedoch nie los - sie kreist bis zuletzt zermürbend im Kopf des Hamlet herum. Das ist, wie ich beobachtet habe, für den Zuschauer sehr viel nahegehender und auch aufreibender. [...]
   Mir scheint, Hamlet war einer der ersten, die sich ernsthaft Gedanken über den Sinn des Lebens machten. Seine Person, d.h. deren Inszenierung, bestand für mich aus zwei Hauptkomponenten. Die eine ist sein Leben, seine Erziehung, seine Blutbande, sein Charakter. Und die andere sieht ihn als Menschen, der diese Grenzen längst überschritten hat. Er denkt nicht wie sie, verachtet alles, was diese niederen Menschen um ihn herum tun und genauso die Lebensführung seines Onkels, seiner Mutter, seiner ehemaligen Freunde. Er weiß jedoch nicht, wie er damit umgehen soll. Und im Endeffekt sind seine Methoden die gleichen wie die der Menschen, die er verachtet. Er denkt zwar darüber nach, ob es möglich und moralisch machbar sei, jemanden zu töten, aber letzlich tötet er doch, kann sich folglich keine andere Lösung vorstellen. Mord und Gewalt sind ihm zuwider und dennoch kann er gleichzeitig nicht anders, als beides in sein Handeln einzubeziehen.
Es war für mich eine sehr ungewisse und daher zermürbende Zeit, als ich die Rolle des "Hamlet" einübte. Niemand; fast keiner der Mitwirkenden glaubte daran, daß es klappen würde. Die Zweifel und Bedenken waren riesengroß, wir probten daher sehr lange und gewissenhaft. Wenn das ein Flop geworden wäre, hätte das zwar nicht das Ende meiner schauspielerischen Laufbahn bedeutet, denn du kannst immer noch andere Rollen spielen, aber in jedem Fall wäre es auf mein persönliches Ende als Schauspieler hinausgelaufen. Wenn ich das nicht geschafft hätte, nur für mich gesehen... aber zum Glück kam es anders. Doch für diese Zeit stand ich wirklich auf Messers Schneide. Bis zuletzt wußte ich nicht, ob es ein Erfolg wird oder nicht... "Hamlet" ist ein bodenloses Stück Theater.
Meine Lieblingrolle? Eindeutig die des Hamlet. Schwer ist sie mir gefallen, wirklich schwer... Und auch jetzt noch grenzt jede Aufführung an Selbstzerstörung und geht an die Abgründe des Menschlichen. Manchmal denke ich: Nein, das ist das letzte Mal, ich halt das nicht länger durch!.. Denn ich mime nicht den dänischen Prinzen. Ich versuche, einen modernen, zeitgenössischen Menschen darzustellen. Ja, vielleicht sogar mich selbst. Aber wie beschwerlich ist doch der Weg zu sich selbst!..
Mein "Hamlet" ist alles andere als infantil. Er weiß vieles und er will diese Entscheidung - "Sein oder Nichtsein" - nicht treffen. Es macht ihn rasend, daß die Menschheit seit Ewigkeiten an dieser Frage nagt und unfähig, sie zu beantworten, immer weiter tötet und mordet. Das zeigt doch nur, daß irgendetwas an dieser Welt falsch ist.
   Hamlet verachtet Rache und Niederträchtigkeit und kann doch nicht darauf verzichten. Er handelt genauso, wie es die Menschen tun, gegen die er eigentlich kämpft. Er wäre froh, wenn dem nicht so wäre; er möchte nicht töten und er weiß gleichzeitig, daß er es dennoch tun wird. Aus diesem Teufelskreis kann er nicht entfliehen, er kann sich nicht vor den Gesetzen und Bedingungen seiner Umgebung verschließen. Darin liegt der Grund für seine Verzweiflung, nur deshalb verliert er langsam den Verstand!..
Der ewige Kampf zwischen Gut und Böse in dieser reinen, schnörkellosen Form, wie sie bei Shakespeare anzutreffen ist, erscheint uns heute in unserem ruhelosen und gehetzten Dasein besonders scharf und erbittert. Mein Anliegen ist es, daß das Publikum, wenn es in unserem Theater auf den Hamlet trifft, genauso mitzittert und -leidet, wie ich es tue. Die Menschen sollen verstehen, wie beschwerlich und dramatisch der Weg zur Harmonie zwischenmenschlicher Beziehungen eigentlich ist. Und überhaupt mache ich das Mitleiden, das seelische Engagement meines Publikums zum absoluten Ziel und Bestreben meiner Kunst - sei es im Film, im Theater oder im Lied.

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